SEELENGOLD

Auszug

|…| Selene sah den goldenen Nebel, der Rovens Rückkehr ankündete, und sprang erleichtert von der Stufe auf. Doch als Roven vor ihr stand, wirkte er wie versteinert, den Blick abgewandt. Er stützte sich auf sein Schwert, Shirt und Ledermantel klafften auseinander und zeigten eine große Wunde. Goldenes Blut tropfte auf den Steinboden. Auch Rovens linke Schulter schien verwundet zu sein.
„Geht’s … dir gut?“
Er reagierte nicht.
„Roven?“
Der Akkadier richtete sich auf und holte zischend Luft, schwang sein Schwert in die Höhe und verstaute es in der Halterung am Rücken. „Passt schon“, murmelte er und biss die Zähne zusammen. Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Hier war alles ruhig?“
Sie nickte.
Daraufhin machte er kehrt und marschierte Richtung Küche.
Selene sah ihm nach, überlegte kurz. „Ist es schlimm?“
Er winkte ab.
Sie schaute auf die Tasche zu ihren Füßen, schob sie an die Seite und ging ihm hinterher. „Kann ich …“ Als sie den kleinen Speiseraum erreichte, war er schon weiter in der Küche. Selene folgte ihm in den dunklen Raum und blieb stehen. Das Pendeln der Schwingtür hinter ihr ebbte ab und sperrte das restliche Licht aus. Selene versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie hörte ihn am Tresen vorbeigehen, bis er stehenblieb und die Finsternis mit Stille erfüllte. 
Selene wurde nervös. Eigentlich wollte sie ihm beistehen, fühlte sich verantwortlich für seine Verletzungen. Aber mit ihm in einem dunklen Raum zu sein, war irgendwie komisch. Ihr Herz raste. Gott sei Dank gewöhnten sich ihre Augen ans Dunkel, sodass sie schwache Umrisse erkannte. Er stand vor dem Kühlschrank, die Hand am Griff, und wartete.
„Kann ich –“
„Nein. Geh.“
„Warum?“
„Ich möchte allein sein.“
Sie zögerte. „Wieso?“ ▼ Weiterlesen

HÖLLENTRIEB

Auszug

Jolinas Locken blieben an einem Ast hängen. Sie rannte weiter, ohne den Schmerz zu beachten, hetzte durch die Dunkelheit des Waldes und riss sich Kleidung und Haut auf. Ihr Atem rasselte durch die Lungen, ihre Beine protestierten. Hinter ihr näherten sich die Lichter. Moali – so hatte Daman sie einst genannt. Mit einer dieser Kreaturen hatte Jolina bereits auf der Lichtseite des Götterreiches Bekanntschaft gemacht. Diese Fleischfresser projizierten Trugbilder bei ihren Opfern und machten sie damit gefügig, um sich genüsslich zu sättigen. Die Halbgöttin wusste, wie friedlich sich dieses Gefressen werden anfühlen konnte. Mit welcher Selbstverständlichkeit man die eingeflößten Bilder auf sich wirken ließ und alles um sich herum vergaß. Doch dieses Mal gab es keine besänftigenden Erinnerungen, die ihr in den Kopf gepflanzt wurden. Diesmal gab es eine Hetzjagd.
Jolina rannte durch den Wald, sprang über Baumstämme, duckte sich unter Ästen und verfluchte Bogen und Köcher, die bei jedem Schritt gegen ihren Rücken schlugen. Damit hatte sie keine Chance gegen die Meute. Helfen würde jetzt ein wutschnaubender Sator. Zum Beispiel jener, der sie auf die Kehrseite gebracht hatte. Doch Jolina war allein in dieser Finsternis angekommen. Von Daman und seinem Freund Goran, dem stierähnlichen Alimbû, fehlte jede Spur.
Das hatte sie nun davon. Abenteuer, eine Herausforderung hatte sie gesucht. Etwas vollkommen anderes, als die stupide Ahnentätigkeit als Tochter einer Kriegsgöttin, die seit zigtausend Jahren ihr Leben bestimmte. Ob das undankbar war? Natürlich war es das. Jolina hatte ihrer Mutter und den Brüdern, selbst ihren Akkadiern auf der Erde mit Durchschreiten des Tores Baskhardan den Rücken zugekehrt. Hatte sie alle im Stich gelassen. War freiwillig ins Exil gegangen. Wer zu solcher Dummheit fähig war, gehörte wohl hierher. 
Dann war da noch die Sache mit dem Sator, besser gesagt dem König der Satoren, der sie nicht grundlos begleitet hatte. Denn nur ein Mann des Feuervolkes konnte die blauen Flammen zur Kehrseite überstehen und Jolina den Durchlass ermöglichen. Daman hatte fürchterliche Verbrennungen davongetragen, und Jolina sorgte sich ungeachtet ihrer eigenen Situation um ihn.
Sie stieß mit der Schulter gegen einen Baum und kam ins Straucheln. Ihre rechte Sandale verfing sich an einer Wurzel. ▼ Weiterlesen

Das Blut der Akkadier

Auszug

|…| Kurz vor Sonnenaufgang saß Ella auf dem Dach der neu gebauten Mietwohnungen Brewer Street Ecke Thorley Street und blickte auf den Eingang zum Stadion Perth Oval. Erst vor wenigen Tagen hatte Rod Stewart dort ein Konzert gegeben. Und Ella hatte genau an der gleichen Stelle wie jetzt gelegen und begeistert zugehört.
Der dämliche Akkadier war bislang nicht aufgetaucht. Sie wollte sich keine Sorgen machen, konnte es aber kaum verhindern. Sie hätte ihn nicht allein lassen sollen, verfluchter Mist! Wenn er nun heulend vor dem Grab zusammengebrochen war und … Ella schüttelte den Kopf. Er hatte zwar mitgenommen gewirkt, aber so ein Weichei war er auch nicht. Die harten Linien in seinem Gesicht ließen eher das Gegenteil vermuten. Genauso wie die Stoppeln und der Bart, die angenehm scheuern mussten, wenn man sich daran rieb.
„Ella, du brauchst dringend einen Kerl“, flüsterte sie sich selbst zu. So scharf war sie seit Ewigkeiten nicht gewesen. Lag sicher nur an der Hitze und der andauernden Trockenheit.
Am Horizont kündete sich der Morgen in einer gelborangenen Linie an. In zehn Minuten würden die ersten Sonnenstrahlen zu sehen sein. Dann durfte die Akkadia nicht mehr hier herumsitzen.
„Tja. Pech gehabt, Brix.“ Sie hatte ihm gesagt, dass sie nicht warten würde.
Ella sprang vom Dach und kehrte dem Stadion den Rücken zu. Doch plötzlich erklang ein Schrei hinter ihr. Sie schnellte herum. Eine Joggerin starrte entsetzt auf einen dunklen Berg am Boden. „Brix?“ Er musste gerade erst dort aufgetaucht sein.
Die Akkadia brauchte nur ein Augenzwinkern, um sich zu entscheiden. Sie würde ihn sicher nicht der Sonne überlassen.
Ella rannte blindlings über die Straße, ignorierte das wütende Hupen des Autofahrers und ging neben dem Riesen auf die Knie. 
Sie faselte der Joggerin irgendetwas zu, das sie dazu brachte, wegzulaufen. Sollte ihr recht sein.
„Brix, verflucht! Mach die Augen auf! Wir müssen hier weg!“ Ella rollte ihn auf den Rücken und entdeckte unter dem Mantel eine klaffende Wunde von der Größe seines Unterarms. „Ach, du Scheiße!“
Ihr Blick schnellte Richtung Horizont. ▼ Weiterlesen

ZWEITES LEBEN

Kurzgeschichte

„Was glaubst du, wie lange wir noch brauchen?“
„Na ja, laut Navi noch zwei Stunden.“
„Okay.“
Ich drehe mich auf dem Beifahrersitz herum, doch du bist nicht zu sehen, hast dich wohl hingelegt, um die Fahrt leichter zu überstehen. Ich höre keinen Laut von dir, kein Wimmern, kein Knurren, nur das Fahrgeräusch unseres Kombis.
Ich weiß, dass du Angst hast. Wahrscheinlich ist dir die Familie gerade vertraut gewesen, dann kommen wir und holen dich wieder weg.
Es tut mir leid.
Ich wünschte, ich könnte dir die Angst nehmen, die du vor uns hast, könnte dir alles erleichtern. Aber auch für mich ist es das erste Mal. Ich muss erst noch lernen, was für dich am besten ist. Wir haben uns dafür entschlossen, weil wir dir alles bieten wollen, was dir bislang verwehrt geblieben ist, weil wir dich vergessen lassen möchten, was dir widerfahren ist. Und ich hoffe, es gelingt uns.
„Sollen wir noch eine Pause machen?“ Die letzte liegt eine halbe Stunde zurück.
„Ach, ich denke, das schafft er auch so“, sagt mein Mann und lächelt mich an. Er legt seine Hand auf meine und drückt zärtlich zu. „Das wird schon. Mach dir keine Sorgen.“
Ich nicke und drehe mich wieder nach vorn.
Auch in den folgenden zwei Stunden hören wir nichts von dir und es schnürt mir fast die Kehle zu, dass ich nicht nach dir sehen kann.
Als der Kombi endlich das Tor zu unserem Hof passiert, fällt eine Last von meinem Herzen. Die erste Hürde ist genommen.
Ich steige aus, hole die Leine vom Rücksitz und öffne den Kofferraum.
Du liegst da wie eine Sphinx, so anmutig. Aber du siehst mich nur kurz an, dann gleich wieder weg. Die Angst steht dir ins Gesicht geschrieben. Und an die vielen Narben muss ich mich erst noch gewöhnen. Woher sie stammen, können wir nur vermuten. Kämpfe. Gitterstäbe. Schläge. Nein. Ich will es nicht wissen. Das ist Vergangenheit.
„Schon gut, Milo“, versuche ich dich zu beruhigen. „Sch… sch… Wir tun dir nichts.“
Ich beuge mich hinunter und halte dir meine Hand vorsichtig unter die Nase, doch du reagierst nicht. Bloß nicht bewegen, dann tut mir vielleicht niemand etwas, geht es mir durch den Kopf. ▼ Weiterlesen