Kaffeeklatsch mit Göttin

|…| „Kannst du dich noch an den Tag erinnern, als ich zum ersten Mal hier war?“, fragte Roven.
Jolina lächelte. „Natürlich! Du warst ein grobschlächtiger Draufgänger, den jedes meiner Worte überforderte.“
„Ja, das stimmt“, lachte er und zitierte sie theatralisch: „Du trägst seit deiner Geburt die Seele eines Hirten, eines Akkadiers in dir. Nur solch eine Seele vermag es, eine akkadische Bestie zum Leben zu erwecken, wenn du als Mensch stirbst.“
Sie lachte. „War das zu viel? Es stimmte nun mal. Ich muss dir doch die Wahrheit erzählen!“
„Machst du das heute auch noch so?“
Sie rempelte ihn an. „Ärgere mich nicht!“
„Und du hast mir sehr deutlich gemacht, dass ich mich mit Naham gefälligst vertragen und keinen Menschen umbringen soll. Sonst reißt du uns in Stücke.
„Mhm, war der Göttin sei Dank, nie nötig.“ Sie sah ihn kurz an. „Würde mir auch schwerfallen.“
„Ach, Quatsch.“ Er zwinkerte.
„Und ich weiß noch sehr gut, wie du deinen neuen tollen, muskulösen und großen, großen Körper bewundert hast.“
Roven schmunzelte. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich als Mensch aussah.“
„Nicht? Ich schon. Du hattest hellrotes, wuscheliges Haar und Sommersprossen. Du warst etwas kleiner, aber trainiert. Warst ein schöner Mann. Hattest schon immer ein gutes Herz.“
„Ich habe Menschen im Krieg umgebracht“, murmelte er.
„So war die Zeit damals. Dafür konntest du nichts.“
„Ich hätte mich auch gegen das Schlachtfeld entscheiden können.“
„Nicht auszudenken! Stell dir vor, du wärst ein Bauer gewesen. Dann hätte ich dir auch noch den Schwertkampf beibringen müssen!“ Jetzt zwinkerte sie.
Er schnaufte. „Ich glaub, auf dem Acker wäre ich vor Langeweile gestorben. Akkadier zu werden, war das Beste, war mir passieren konnte.“
„Schön, dass du es so siehst! Aber Akkadier zu sein, ist nicht alles. Denk ab und zu auch an dich. An Naham und euer Herz.“ |…|

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#rovenliebtselene

|…| Roven hatte sie ans mittlere Ufer nördlich des Lochs gebracht, von wo aus man einen weiten Blick auf die Umgebung hatte – hinter ihnen die Berge, vor ihnen der See in tiefem Blau. Westlich zog ein orangefarbener Streifen über den Horizont. Die Unterseite der Wolken färbte sich rötlich, genauso wie Selenes Silhouette. Sie ging einen Schritt Richtung Ufer, bis ihre Schuhe beinahe das Wasser berührten, und ließ ihren Blick schweifen. Sie hatte den Mund geöffnet und atmete tief. Ihre Augen begannen zu glänzen. Selene schwieg. Roven hörte ein Zittern in den Atemzügen, ihr Herz schlug schneller. Dann begann sie langsam zu lächeln, immer breiter, und schaute schließlich zurück zu ihm, strahlte ihn dankbar und mit feuchten Augen an und sah wieder geradeaus.
Sie standen dort eine ganze Weile, ohne zu reden. Lauschten der Natur, dem Rauschen des Sees und dem Plätschern der kleinen Wellen am Ufer, dem Wind in den Bäumen und dem fernen Vogelgezwitscher.
Als Selene anfing zu zittern, schirmte Roven sie von hinten ab und legte seine Arme um sie.
„Wenn mir nicht so kalt wäre, würde ich jetzt da rein laufen …“
Er schmunzelte. „Es ist arschkalt. Wirklich. Selbst ich würde kneifen.“
„Vielleicht im Sommer …?“
„Auf jeden Fall! Aber nur nackt. Sonst zählt es nicht.“
Er hörte sie schmunzeln. Sie legte ihre ausgekühlten Hände auf seine und schob sie ein Stück in die Ärmel seines Mantels, kuschelte sich in seine Umarmung und lehnte ihre Stirn gegen sein Kinn.|…|

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Herzrasen

Für deine Frühlingsgefühle … 💙

|…| Als Roven zu ihr schaute, sah Selene wieder auf die Leinwand. Spürte seinen Blick auf sich und ignorierte es, so gut es ging. Sie musste schlucken, spürte Hitze in sich aufsteigen.
„Sieh mich nicht so an“, murmelte sie.
„Dann sei nicht hier …“
Selene schaute zu ihm. Ihr Herz polterte, als wollte es aus ihrer Brust springen.
„Ich kann es hören“, sagte er mit schwachem Lächeln. Ob er registrierte, dass sie ihm aus dem Weg gegangen war?
Sie legte sich die Hand auf die Brust und spürte das Trommeln. „Das ist unfair.“
Mit einem tiefen Luftholen stand Roven auf, ließ die Rohrzange auf den Sessel fallen, kam zu ihr und setzte sich neben sie auf die Couch. Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, und Selene fühlte sein Herz, nicht weniger schnell als ihres, schlagen. Und die Wärme seines Körpers. Er blickte nach unten auf ihre Hand, und sie auf sein Gesicht. Es wäre so leicht, in seine Arme zu fallen. |…|

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Parkbankgespräche

Am 29.5. diesen Jahres wird Seelengold 6 Jahre alt und kommt in die Schule. Ein guter Anlass, es endlich mal drucken zu lassen :D Die Überarbeitung steht bei etwa 45% des alten Textes, ist aber schon um einiges länger als die Originalfassung :) Kleiner Auszug aus ner neuen Szene 💙

 

|…| Roven beobachtete sie ein paar Minuten von der anderen Straßenseite aus, ohne zu wissen, warum er hier war. Er hatte den Tag in seiner Londoner Wohnung ziemlich unruhig verbracht und war nach Sonnenuntergang direkt hierhergekommen. Seitdem wurde es besser. Gleichzeitig meldete sich der Hunger.

Selene öffnete die Augen und sah ihn an. Was nicht möglich war, immerhin saß er als Schatten auf dem Dach. Sie runzelte die Stirn und blinzelte. Roven kniff die Augen skeptisch zusammen, löste sich auf und nahm ein paar Meter neben ihr Gestalt an, ohne dass sie etwas bemerkte. Er ging auf sie zu und blieb in angemessener Entfernung stehen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er und gab sich Mühe, harmlos zu wirken.

Sie musterte ihn mit großen Augen. „Ja?“

Er nickte und überlegte kurz, setzte sich dann neben sie. Sie zuckte zurück und sah ihn an. „Kennen wir uns?“

„Ja, aber du kannst dich nicht erinnern“, murmelte er und versuchte ihre Angst zu dämpfen, soweit sie es zuließ. War schwierig bei ihr. Er rief sich das Gefühl ihres Kusses ins Gedächtnis, schaute ihr in die Augen und versuchte es ihr zu schicken.

Sie zog die Augenbrauen zusammen, doch ihr Herzschlag wurde wieder langsamer. Selene erwiderte seinen Blick, und ihr Gesicht bekam einen weichen Ausdruck, als öffnete sich etwas in ihr.

„Was beschäftigt dich?“, fragte er.

Ihre Augen begannen zu glänzen. Sie schaute durch ihn hindurch und amtete schwer. „Ich stehe an einem Abgrund …“ |…|

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Tinte aufm Füller

Ich habe das Schreiben wieder für mich entdeckt – das händische. Habe einen Füller von meiner lieben Mama als Dauerleihgabe ergattert und schreibe seitdem täglich MIT DER HAND. Also auf Papier, ohne Linien und Rechtschreibkorrektur. Den alltäglichen Kopfmus: Texte, die mich inspirieren, Dinge, die loswerden möchte, auch mal Kritzeleien und Strichmännchen … Fühlt sich ein bisschen nach Kindheit an, nostalgisch und wertvoll und … bleibend.
Daran möchte ich dich gern mit einem kleinen Seelengold-Auszug teilhaben lassen ( ich hoffe, es ist alles lesbar ^^)

Nimm dir Zeit für dich und schreib auf, was dich abseits von Arbeit, Einkaufszetteln und To-Do-Listen beschäftigt. Deine Gedanken sind wichtig, und Worte sind mächtig! Du weißt das, sonst würdest du nicht lesen. :o)

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„Du gehst mir auf den Sack!“ (Leseprobe SG)

Da ich mittlerweile etwa 35% der Überarbeitung von Seelengold 2.0 geschafft habe, dachte ich mir, ich suche dir mal eine nette Leseprobe raus, die zwar „alten“ Inhalt hat, aber neu geschrieben wurde. Der ein oder andere erkennt sie sicherlich. Sie ist länger geworden, als ich eigentlich wollte. Aber mehr kürzen gelang mir jetzt auch nicht so richtig. Ich mag die Szene(n) einfach. Du hoffentlich auch. Lass es mich wissen. :)

Und jetzt: Vorhang auf für ROVEN & SELENE <3

 

Auszug Kapitel Zwölf

|…| Selene sah den goldenen Nebel, der Rovens Rückkehr ankündete, und sprang erleichtert von der Stufe auf. Doch als Roven vor ihr stand, wirkte er wie versteinert, den Blick abgewandt. Er stützte sich auf sein Schwert, Shirt und Ledermantel klafften auseinander und zeigten eine große Wunde. Goldenes Blut tropfte auf den Steinboden. Auch Rovens linke Schulter schien verwundet zu sein.
„Geht’s … dir gut?“
Er reagierte nicht.
„Roven?“
Der Akkadier richtete sich auf und holte zischend Luft, schwang sein Schwert in die Höhe und verstaute es in der Halterung am Rücken. „Passt schon“, murmelte er und biss die Zähne zusammen. Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Hier war alles ruhig?“
Sie nickte.
Daraufhin machte er kehrt und marschierte Richtung Küche.
Selene sah ihm nach, überlegte kurz. „Ist es schlimm?“
Er winkte ab.
Sie schaute auf die Tasche zu ihren Füßen, schob sie an die Seite und ging ihm hinterher. „Kann ich …“ Als sie den kleinen Speiseraum erreichte, war er schon weiter in der Küche. Selene folgte ihm in den dunklen Raum und blieb stehen. Das Pendeln der Schwingtür hinter ihr ebbte ab und sperrte das restliche Licht aus. Selene versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie hörte ihn am Tresen vorbeigehen, bis er stehenblieb und die Finsternis mit Stille erfüllte. Selene wurde nervös. Eigentlich wollte sie ihm beistehen, fühlte sich verantwortlich für seine Verletzungen. Aber mit ihm in einem dunklen Raum zu sein, war irgendwie komisch. Ihr Herz raste. Gott sei Dank gewöhnten sich ihre Augen ans Dunkel, sodass sie schwache Umrisse erkannte. Er stand vor dem Kühlschrank, die Hand am Griff, und wartete.
„Kann ich –“
„Nein. Geh.“
„Warum?“
„Ich möchte allein sein.“
Sie zögerte. „Wieso?“
Er atmete hörbar ein, seine Schultern hoben sich. „Weil ich es möchte!“, antwortete er gepresst.
„Du bist verletzt.“
„Sag bloß.“
„Was soll das? Warum bist du so zu mir?“
Er drehte sich um, seine Augen wirkten heller. „Ich habe Schmerzen und möchte jetzt verdammt noch mal meine Ruhe haben.“
Sie kniff die Augen wütend zusammen, auch wenn er es nicht sehen konnte. „Und ich möchte verflucht noch mal für dich da sein. Immerhin bist du meinetwegen verletzt!“
„Selene, ich bin über siebenhundert Jahre alt. Ich habe schon Schlimmeres überstanden als ein paar Schnitte.“
„Ist mir egal. Ich gehe nicht.“
Er stöhnte genervt und drehte ihr den Rücken zu. „Du gehst mir auf den Sack!“
Ihr blieb der Mund offenstehen, doch sie schüttelte den Ärger ab. „Nicht mein Problem!“ Selene traute sich zwei Schritte vor und setzte sich auf einen Barhocker.
„Bitte. Wie du willst!“
Roven öffnete den Kühlschrank, und das Licht von innen blendete sie. Selene hielt sich die Hand vor Augen und sah schemenhaft, wie er eine milchige Scheibe aufschob. In dem kleinen Extrafach standen fünf Plastikbecher, die mit einer roten Flüssigkeit gefüllt waren. Zielgerichtet nahm Roven einen davon und schloss die Tür wieder. Nachdem er sich umgedreht hatte, zog er den Deckel ab und warf ihn auf die Arbeitsplatte. Seine Augen fingen an zu strahlen und beleuchteten den Becher. Der Inhalt wirkte dickflüssig.
„Was ist das? Götterspeise?“, fragte sie.
„Mhm.“ Er trank den Becher leer und stellte ihn auf den Tresen, wischte sich über den Mund und setzte sich ihr gegenüber.
Selene verzog das Gesicht. „Was war das?“
„Blut.“ Seine Stimme klang eigenartig. Tiefer.
Sie wich zurück. Schauderte und bekam Gänsehaut. „Wie … meinst du das?“
Er schwieg einen Moment. „Ich denke, du hast mich verstanden.“
In ihrem Kopf spielten sich plötzlich grausame Szenen ab. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Was sie denken sollte. Was war er? Was tat er?
„Schweineblut“, erklärte Roven. Seine Augen wurden wieder dunkler, die Stimme hatte sich normalisiert. Er lehnte sich nach hinten und betätigte einen Schalter unterhalb der Küchenzeile. In den Ecken ging indirekte Beleuchtung an.
Der Akkadier schaute ihr in die Augen und versuchte zu lächeln. „Du gehst mir nicht auf den Sack. Entschuldige …“
Selene wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte.
„Ich trinke Blut“, fuhr er fort. „Etwas anderes hält meinen alten Körper nicht am Leben. Im Kühlschrank steht immer etwas Schweineblut für den Fall der Fälle. Wenn ich verletzt werde, hilft es bei der Heilung.“
Sie nickte langsam.
„Aber … ich trinke auch menschliches Blut.“
Selene schluckte. Überlegte. „Soll das heißen, …“
„Nein. Ich bringe keine Menschen um. Ich quäle sie nicht. Ich lasse sie nicht in meinem Keller ausbluten oder führe irgendwelche Rituale durch. Nichts dergleichen. Normalerweise betäube ich sie, trinke, verschließe die Wunde und lass sie wieder allein. Sie erinnern sich nicht daran.“ Er zuckte mit der Schulter. „Ist ne kleine Opfergabe dafür, dass wir sie beschützen.“
Selene fasste sich an den Hals. „Hast du …?“
„Nein.“
„Ich würde mich eh nicht dran erinnern, oder?“
„In deinem Fall – vermutlich würdest du. Ich kann deinen Kopf nicht so beeinflussen wie bei anderen Menschen.“
„Woher weißt du das?“
„Ich hab’s probiert. Damals im Wald. Als wir zusammengestoßen sind … Um dir die Angst zu nehmen. Aber ich glaube, es hat nicht geklappt. Zumindest nicht so, wie es sollte.“
Selene ließ diese Information sacken.
„Möchtest du was trinken?“ Er stand auf.
„Äh …“ Das Wort irritierte sie dank der neuen Erkenntnisse.
„Kaffee? Tee?“
„Ich glaub, … Ähm, hättest du n Bier?“
Er grinste. „Klar. Ale?“
„Gerne.“
Er holte zwei Flaschen aus dem Schrank und öffnete sie, stellte eine vor ihr auf den Tisch und hielt ihr seine hin. Selene stieß mit ihm an und nahm einen Schluck. Roven setzte sich wieder und schwenkte die Flasche in der Hand.
„Unfassbar, dass ich mit dir ein Bier trinke.“
„Hey, ich trinke ja nicht nur Blut.“
Sie lachte trocken. „Das meine ich nicht.“
„Ich weiß.“
„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Was ich denken soll. Was richtig und was falsch ist.“
„Ja. Versteh ich. Bisschen viel auf einmal.“ […] Roven fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zuckte kurz, hatte seine Wunden wohl vergessen. Er spannte den Kiefer an und hielt inne, schaute verkniffen drein.
„Du hast Schmerzen.“
Er winkte ab.
„Musst du das nicht verbinden?“
„Nicht unbedingt.“
„Aber es schadet nicht?“
„Nein.“
„Dann los. Ich helf dir!“
Er zog ein Gesicht. „Ich kann das allein.“
„Das weiß ich. Hast du ja siebenhundert Jahre lang geübt. Aber wenn ich hier bin, kann ich mich auch nützlich machen.“ Sie stand auf und sah ihn an. „Bitte.“
Er seufzte und klang dabei sehr alt. „Meinetwegen.“
Zusammen verließen sie die Küche. […] Roven hob Selenes Tasche im Vorbeigehen von der Treppe auf und stöhnte bei der Bewegung.
Sie hielt die Hand auf. „Gib her.“
„Vergiss es!“
„Du bist so ein sturer Bock!“
„Danke“, sagte er stolz und reckte das Kinn.
Oben angekommen ging er nach rechts und stellte die Tasche auf einem kleinen Sofa ab, das zwischen zwei Türen an der Wand stand. Das Zimmer daneben war seins. Die Dielen knarrten, als er den Raum betrat. Selene lehnte sich mit ihrem Bier in der Hand gegen den Türrahmen.
Aus dem schwachen Glimmen im Kamin schossen plötzlich Flammen in die Höhe. Das Feuer loderte wie selbstständig auf und brannte, als hätte jemand Holz nachgelegt.
Selene runzelte die Stirn. „Warst du das?“, fragte sie erstaunt.
Er schaute über die Schulter und nickte.
„Du kannst Feuer machen!“, rief sie übertrieben und lachte. „Kannst du auch Erde, Wasser, Wind und Liebe machen? Dann wärst du Captain Planet!“
Er grinste. „Comic-Fan?“
„Nicht wirklich. Aber das ist hängen geblieben …“
Roven stellte sein Bier neben das Foto auf der Kommode, öffnete den Kleiderschrank, der von innen mehr nach einem Waffenschrank aussah, und zog seinen langen Ledermantel aus. „Ich kann Liebe machen. Reicht das?“ Er schaute sie mit einem bedeutungsschweren Blick an.
Selene versuchte sich das Grinsen zu verkneifen. Klappte nicht ganz. „Nicht für Captain Planet“, antwortete sie und schüttelte den anderen Gedanken ab. Klappte auch nicht.
Roven wandte sich wieder dem Mantel zu, begutachtete das Material und warf ihn schließlich auf den kleinen Sessel neben dem Schrank. „Der ist hinüber.“ Er schnallte die Schwerthalterung ab und zog das Eisen aus der Scheide, hängte die Halterung in den Schrank und ging mit dem Schwert ins Badezimmer. Selene schaute um die Ecke. Er säuberte es mit einem schwarzen Tuch.
„Wie oft verletzt du dich so stark?“, fragte sie, als er zurückkam.
„Nicht oft.“
„Was war heute anders?“
Er antwortete nicht, hängte das Schwert in den Schrank und schnallte das Messerhalfter ab, das er um die Brust getragen hatte. Es sah zerschnitten aus und landete ebenfalls auf dem Hocker. Im Schein des Feuers erkannte Selene goldenes Blut an seiner linken Schulter. Und als er sich umdrehte, sah sie den Schnitt quer über seiner Brust, einen weiteren an seinem Rippenbogen. Sie holte erschrocken Luft. Roven schaute hoch. „Sieht schlimmer aus, als es ist.“
„Tatsächlich?“ Selene stützte sich vom Türrahmen ab und ging ins Zimmer.
Der Akkadier zog sein T-Shirt über den Kopf und warf es auf den Haufen mit kaputten Sachen, kam ihr entgegen und trank einen Schluck Bier. Sie gab sich Mühe, ihm ins Gesicht zu gucken, aber bei dem Körper fiel es schwer. Roven war ein wirklich schöner Mann. Hatte breite Schultern, kräftige Arme, einen flachen Bauch. Muskeln an den richtigen Stellen. Er wirkte massig, aber nicht grobschlächtig. Seine Bewegungen waren elegant und gleichzeitig kraftvoll. Er stellte die Flasche ab und schluckte mehrmals.
Selene ging etwas durch den Kopf. „Darf ich dich was fragen?“
„Klar.“
„Warum hast du keine Frau?“
Er zog die Augenbrauen zusammen, wirkte irritiert. „Muss ich eine haben?“
Sie lächelte. „Nein, aber du bist ja nun nicht gerade der Hässlichste …“
Er sah ihr lange in die Augen, schaute dann nach unten. War er verlegen? Roven zuckte mit der Schulter und ging Richtung Bad. „Ich denke, das liegt an den Umständen.“
Selene folgte ihm und entdeckte eine Tätowierung auf der Schulter, konnte sie aber nicht richtig erkennen. „Gibt es bei euch keine Frauen?“
„Doch, aber sehr wenige.“
„Mangelware?“
„Genau.“ Er stellte das Bier ans Waschbecken, suchte Verbandszeug aus dem Schubfach und packte ein Pflaster aus. Selene wollte ihm helfen, da schlug er es halbherzig auf den Schnitt am Unterarm, sodass es irgendwie in Falten kleben blieb.
„Mach das doch ordentlich …“ Sie verkniff sich ein genervtes Ausatmen. „Musst du das nicht desinfizieren?!“
„Nö.“ Roven machte es einem nicht gerade leicht, für ihn da zu sein.
Er schnappte sich das nächste Pflaster. Selene zog es ihm aus den Händen. „Gib her, ich mach das.“ Sie hörte so etwas wie ein leises Knurren, beachtete es erst gar nicht und zog die Schutzstreifen ab. „Heb mal deinen Arm.“

Roven schaute nach unten, atmete den Duft ihres Haares ein und beobachtete jede Bewegung ihrer Finger. Er hob den linken Arm, sodass dieser über ihrem Kopf schwebte und sie mühelos hätte umarmen können. Der Frust über den verlorenen Kampf verschwand im Hintergrund. Er genoss es, sie so nah bei sich zu haben. Da konnte er selbst die Schmerzen leicht ignorieren.
Mit dem Pflaster in der Hand betrachtete Selene die Wunde. „Ich sollte wenigstens das getrocknete Blut abwaschen.“
„Da hängt ein Waschlappen neben meinem Handtuch.“
Sie drehte sich um, machte den Lappen einhändig nass und tupfte um die Wunde herum. Roven musste schmunzeln.
„Was ist?“
„Schon gut.“ Seine Verletzungen waren noch nie so vorsichtig behandelt worden. War unnötig, trotzdem fand er es schön.
„Nicht doch lieber desinfizieren?“, fragte sie und schaute unter seinem Arm hoch.
Er schüttelte den Kopf. Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen, die sich skeptisch verzogen. Stille dehnte sich aus. Er wollte sie küssen.
Selene riss sich von seinem Blick los und schaute wieder auf den Schnitt. „Warum nicht?“
Er holte Luft. „Es kann sich nicht entzünden. Ich bin immun gegen normale Keime.“
„Okay.“ Sie nahm das Pflaster und legte es vorsichtig über die Wunde, drückte es sanft fest und strich noch ein paar Mal drüber. Ein Kribbeln zog durchs Rovens Körper und stachelte seine innere Bestie an.
„Dir scheint das Spaß zu machen“, stellte er fest.
„Ich mach’s halt gerne ordentlich.“
„Mhm, ich auch.“
Sie warf ihm einen irritierten Blick zu und schüttelte schmunzelnd den Kopf, fing dann an, den Schnitt über seiner Brust sauber zu tupfen. Selene legte die freie Hand an seinen Rippenbogen, vermutlich unbewusst. Er verspannte sich, biss die Zähne zusammen und sah im Spiegelbild, wie seine Augen heller wurden. […] Nach einer Weile hielt sie inne und betrachtete die offene Wunde. „Fast kann ich beobachten, wie es zuwächst.“
Er spürte ihren Atem auf der Haut.
„Wie lange dauert es gewöhnlich, bis so was heilt?“
„N halben Tag etwa.“
„Wahnsinn.“
Das dachte er auch. Sie drehte sich zum Waschbecken, um ein großes Pflaster auszupacken. Dabei rutschte sein Blick zu ihrem Hintern. Rein logisch betrachtet, war sie eine ganz normale Frau. Mit eher kleinen Brüsten und einem Knackarsch. Wie viele Frauen. Und trotzdem war bei ihr alles anders. Nichts war normal. Alles Verführung. Er ballte seine Hände zu Fäusten, aus Angst, was er sonst mit ihnen tun würde.
Als Selene sich wieder umdrehte, begegnete sie seinem Blick. „Wo hast du hingeschaut?“
„Auf deinen Hintern.“
„W… Und das sagst du einfach so?“
„Klar. Er ist da. Er ist schön. Ich seh ihn mir gerne an.“
Sie wurde knallrot. Ihre Professionalität verschwand. Plötzlich zitterten ihre Hände. Sie starrte auf die Wunde und drehte das Pflaster, bis es passte. Drückte es hastig fest.
„Was stört dich daran?“, fragte er.
Sie sagte nichts. Schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich mag es nicht, wenn man mich verlegen macht.“
„Merk ich mir.“
„Danke.“
„Mache ich dann in Zukunft öfter.“ Er grinste sie an.
Sie seufzte genervt. „Umdrehen!“
„Aye …“
Selene tupfte den letzten Schnitt an seiner Schulter sauber. „Schöne Tätowierung. Ist das … Ishtar?“
„Nicht ganz …“ Das Detail über seine eigene Bestie behielt er lieber noch für sich. Die Infos ‚Bluttrinken‘ und ‚Gestaltwandler‘ teilte man lieber auf zwei Tage auf.
„Der Schnitt hat sie nicht getroffen. Als wäre sie ausgewichen.“
Roven schmunzelte. Wie recht sie hatte. Plötzlich spürte er eine Berührung auf der Tätowierung und erstarrte, presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zu. Selenes Finger streichelten den Körper des Löwen, und er fühlte es, als würde sie ihn streicheln. Roven wurde augenblicklich hart. Seine Vernunft verschwand irgendwohin außerhalb dieses Raumes. Er wollte Selene packen und gegen die nächste Wand drücken. Sein Tier warf sich auf den Rücken und lechzte danach, gekrault zu werden. Roven ging es ähnlich. Am liebsten zwischen den Beinen.
„Die Farben sind wunderschön …“, murmelte sie. Ihre Hand verschwand. Wenig später platzierte sie das Pflaster. „Fertig.“
Er drehte sich zu ihr, sah ihr in die Augen und bekam kaum noch Luft. Selene wich eine Winzigkeit zurück, die er sofort aufholte. Ihre Hände legten sich wie automatisch an seine Brust. Ihr Blick huschte zwischen seinen Augen hin und her.
„Sie leuchten“, hauchte sie.
„Ich weiß!“
„Heißt das, … du bist gerade wütend?“
„Nein …“
Mit letzter Beherrschung umfasste er vorsichtig ihr Gesicht und zog sie heran, beugte sich hinab und küsste sie. |…|

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Höllentrieb – Abgründe und andere Hobbys

[…] „Ich hatte mich nicht unter Kontrolle“, gestand Jolina.

„Das habe ich gemerkt.“ Daman machte eine Pause. „Was ist das da in dir?“ Als sie nicht antwortete, drehte er seinen Kopf und sah sie durch die Flammen hindurch an. In den silbernen Augen zuckten orangefarbene Lichter. „Wie gefährlich bist du wirklich?“

Jolina öffnete den Mund, um zu protestieren, und schloss ihn wieder. Sie wusste es nicht. Hatte keine Ahnung, wie weit die Bestie in ihr gehen könnte. „Bis vor kurzem war ich davon überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben. Man hatte uns darauf trainiert, die … Bestien zu unterdrücken.“

„Warum?!“, fragte er mit solcher Verwunderung, dass sie aufsah.

„Ist das nicht offensichtlich?“

„Weil eure Bestien gefährlich sind? Aber man kann etwas nicht kontrollieren, indem man es einsperrt.“ Er beugte sich zu ihr, wirkte plötzlich aufgebracht. „Was für ein Schwachsinn ist das?! Jeder von uns trägt etwas Dunkles in sich. Man muss begreifen, damit umzugehen! Muss es kennenlernen und verstehen!“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist ja genauso bescheuert, als würde ich zwei Welten mittels Tor voneinander trennen, weil ich keinen Bock darauf hab, mich mit den Schwierigkeiten rumzuschlagen.“ Jolina betrachtete ihn mit Erstaunen und wusste nicht, was sie antworten konnte. Er verstand die Welt, wie sie es nie getan hatte. „Ich kenne den bösen Teil in mir“, fuhr er fort. „Ich weiß, was ihn auslöst und womit ich ihn besänftige! Es ist nicht immer einfach. Aber deswegen laufe ich noch lange nicht Gefahr, jemanden aus Versehen umzubringen!“

„Was war vorhin? Mit mir?“

Sein Gesicht zeigte Resignation. „Jaaa.“ Er runzelte die Stirn und blickte ins Feuer. „Jeder hat ’ne Schwachstelle.“

„Ich bin deine Schwachstelle?“, fragte Jolina mit hochgezogenen Augenbrauen. „Was für ein schöner Kosename.“

„Nicht wahr?“ Er grinste. „Aber du bist ’ne süße Schwachstelle. Mit dir gehe ich gern bis an meine Grenzen.“

„Spielt es denn keine Rolle, was ich davon halte?“, fragte sie empört.

Daman gab ein dreckiges Lachen von sich. „Was du davon hältst, habe ich vorhin sehr deutlich gesehen.“

„Denkst du wirklich, es wäre ratsam, unsere Grenzen beim jeweils anderen auszutesten?“

Der Sator verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und schwelgte ein paar Sekunden summend in dieser Vorstellung. „Sicher nicht ratsam. Zumal ich erst merke, dass du mich umbringst, wenn es zu spät ist.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Aber schön wär’s.“

Sie hielt seinem aufreizenden Blick stand. Anscheinend stellten sich beide in diesem Moment vor, miteinander zu schlafen. Jolinas Puls beschleunigte sich. „Ich will dich nicht töten“, sagte sie ohne ein verräterisches Grinsen.

„Na das ist doch ein Anfang“, lachte er. […]

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Seelengold 2.0 – Delirium

[…] Selene stand auf, ging im Dunkeln in die Küche und kippte den kalten Tee in den Ausguss. Spülte die Tasse ab und stellte sie zurück in den Schrank. Sie müsste etwas essen, hatte aber keinen Hunger. Der Kühlschrank war sowieso leer. Vom Wohnzimmer drang der Krach des Fernsehers bis hierher. Irgendein abendliches Quiz lief. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren. Konnte den Druck in ihrer Kehle aber nicht verdrängen. Etwas wollte raus. Schreien. Weinen. Zerspringen. Selene biss die Zähne zusammen und schüttelte unbewusst den Kopf. Holte einmal tief Luft und nahm die Treppe in den ersten Stock, zog sich im Schlafzimmer ihr Sportzeug an und – blieb an Ort und Stelle stehen. Sie war seit Wochen nicht gelaufen. Aber heute würde sie … Heute? Selene setzte sich auf die Bettkante und blickte auf den MP3-Player in ihren Händen, fuhr die Umrisse mit dem Daumen nach und wischte die Fingerabdrücke an ihrer Jacke ab. Sie verstaute ihn wieder im Nachtschrank, legte sich angezogen ins Bett und versuchte zu schlafen. […]

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kleine Romantik-Spritze

Für alle, die nach dem V-Day gestern an Romantik-Mangel leiden … Ein kleiner Auszug aus HÖLLENTRIEB. Daman kann ja soooo süß sein!

[…] „Jolina, du bist wunderschön! Falten? Augenringe? Was ich sehe, ist Erfahrung. Ich sehe dein Leben in dir. Genau das, was du seit Jahrtausenden führst. Du hast so viel erlebt, geleistet und gefühlt. Es wäre ein Jammer, wenn nichts davon seine Spuren hinterlassen hätte. Deine Haut hängt? Und – was war das noch – dein Gewicht?“ Daman lachte hart. „Herr im Himmel! Du bist ein Vollweib, und diese Rundungen stehen dir fantastisch. Ich möchte mein Gesicht zwischen deine Brüste pressen, dich in deinen weichen Bauch beißen und deine Hinterbacken mit einem Klaps zum Wackeln bringen.“ Ihr schoss die Röte ins Gesicht, und Daman drehte sie zum Spiegel. „Sieh du dich an, Linchen! Deine Wangen röten sich, weil ich dich verlegen mache. Deine Augen glänzen, weil du gerührt bist. Und deine Lippen sind leicht geöffnet, weil du möchtest, dass ich dich küsse.“ Ihre Augen weiteten sich. „Das alles ist pures Leben. Das alles macht dich noch viel schöner. Das alles bringt mich dazu, …“ Er brach ab und begegnete Jolinas Augen im Spiegel. „Möchtest du, dass ich dich küsse?“ […]

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