Selene

|…| Selene lächelte schwach. „Ich wüsste momentan gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich finde ja nicht mal einen Grund aufzustehen. Da … ist dieses riesige Loch, das mich nach unten zieht. Ich weiß nicht mal, wofür ich eigentlich hier bin. Was ich noch aus meinem Leben machen soll.“
Julia schaute sie mit großen Augen an. „Der Grund, warum du hier bist, bist du! Es ist dein Leben. Aber … niemand kann dir abnehmen, dich dafür oder dagegen zu entscheiden.“
„Und was soll ich daraus machen?“
„Das kannst du leider nur selbst herausfinden. Hör in dich hinein. Was sagt dein Herz?“
„Mein Herz … sagt momentan nicht viel. Es heult und jammert und will nicht mehr. Und das Nicht-mehr-wollen klingt manchmal ziemlich verlockend.“ Selene konnte Julia nicht in die Augen sehen. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie sich nach einer Erlösung sehnte.
Julia nahm ihre Hand mit Tränen in den Augen. „Selene …“
„Es tut so weh.“
Ihre Freundin schwieg einen Augenblick lang. „Du musst momentan auch nicht wollen. Widme dich deiner Trauer. Sie ist … die schmerzhafteste Form von Liebe und trotzdem ist sie Liebe. Solange du sie leugnest oder unterdrückst, wird es nur schlimmer. Nimm dir Zeit für sie und tue, wonach immer dir ist. Den ganzen Tag schlafen oder heulen oder aus dem Fenster starren. Spielt keine Rolle, Hauptsache du tust, was du momentan am meisten brauchst.“
„Aber das ist doch kein Leben, sich so zu verhalten. Das ist … erbärmlich.“
„Das ist Trauer.“ Julia zuckte mit der Schulter. „Du bist ein Mensch und das Größte, wozu dein Herz im Stande ist, sind deine Gefühle. Das ist ein Geschenk, auch wenn es sich momentan nicht so anfühlt.“ |…|

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Etwas ist geblieben

Ich stehe dicht am Abgrund, vor meinen Schuhen die Klippe und das offene Meer. Sonnenstrahlen gelangen vereinzelt durch die Wolken und beleuchten die Wasseroberfläche. Die Wellen rollen unermüdlich, brechen an den Felsen. Meine Hände sind kalt, trotzdem verstecke ich sie nicht in den Taschen. Der Wind kühlt mein Gesicht, kriecht unter die Klamotten und lässt mich frösteln. Genau hier spüre ich es – das Gefühl von Weite in meiner Brust. Ich atme tief und frei, als könnte ich die Welt in mich aufnehmen. Als würde der Wind durch mich hindurchwehen und mich davontragen. Stetes Rauschen erfüllt meine Sinne, Salzluft und der Duft von nassem Gras. Ich balle meine Hände zu Fäusten, um der Kälte entgegenzuwirken. Trotzdem könnte sie kaum willkommener sein.

Lächelnd drehe ich mich um und steige den Hügel hinab. Bei jedem Schritt spüre ich mein Gewicht, das nie leichter war. Unten angekommen gehe ich zum Auto, meine Stiefel knirschen auf dem nassen Sand. Ich steige ein, schnalle mich an, lasse alle Fenster herunter und umfasse mit kalten Fingern das Lenkrad. Der Motor startet, ich gebe Gas, beschleunige und steuere durch die Pfütze. Der Wagen springt und das Wasser spritzt zu beiden Seiten des Fahrzeugs hoch. Mein Herz fliegt.

Etwas ist geblieben. Die Erinnerung an ein Gefühl. Ans Ende der Sehnsucht.

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Schnipselzeit

|…| Als Roven wiederkehrte, hatte Selene es sich auf der Couch bequem gemacht. Auf dem Tisch lag die Hülle von 47 Ronin.
„Immer diese Gewalt, Mädchen! Muss ich mir etwa Sorgen machen?!“ Grinsend nahm er die Hülle in die Hand. „Wo ist die Scheibe?“
„Schon drin.“
Er schaute sie an. „Kannst du bitte aufhören, so selbstständig zu sein? Ich komme mir unnütz vor.“
„Du hast doch Pizza bestellt! Und ich bin mir sicher, du hast das toll gemacht!“ Sie lachte.
Er verzog das Gesicht. „Extra Käse hatten sie nicht.“
Sie starrte ihn an. „Das ist nicht lustig!“
„Doch!“, lachte er und ging zum Bildschirm. „Und in welchen Schlitz hast du die Scheibe jetzt gewaltsam reingedrückt?“
„In den mittleren.“
„Das ist die Playstation.“
Es blieb kurz still. „Aber darüber kann man auch Filme gucken“, rief sie von hinten.
Roven schwieg ebenfalls. „Ja … Richtig. Aber wir gucken unsere Filme gerne über den Blu-ray-Player. Wegen … Qualität … und so.“
„Ja, man kann es sich auch kompliziert machen.“
„Ja, wenn man kann, kann man das!“ Er holte die Dvd aus der Playstation und schob sie ein Fach drüber wieder rein. Der Bildschirm leuchtete fast synchron auf. „Dann startet sie sogar automatisch …“
„Zu faul, einen Knopf zu drücken?“, stänkerte sie weiter.
„Ja, ich spare mir meine Energie lieber für deine Knöpfe auf.“ Mit einem bösen Grinsen kehrte er zur Couch zurück und begrüßte ihren roten Kopf mit einem Kuss auf die Wange.
Selene blickte stur geradeaus. „Wie kommst du darauf, an meine Knöpfe ran zu dürfen?!“
Roven ließ sich neben sie fallen, sodass die Couch knarrte und Selene in seine Richtung kippte. „Wie kommst du darauf, dass ich das nicht dürfte?!“ Er legte seinen Arm um sie und zog sie noch etwas näher heran.
„Unglaublich, diese Arroganz!“ Sie piekte ihn zwischen die Rippen und kuschelte sich an ihn. Der Film begann. |…|

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Von Horizonten & Perspektiven

„Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind.“ – aus dem Talmud

Manchmal frage ich mich, warum wir, also zum Beispiel du und ich, aneinander vorbeireden.

Jemand Schlaues (ich weiß nicht mehr, wer) sagte mal: Es gibt keine objektiven Betrachtungsweisen, denn nur ein Subjekt, also ein Mensch, kann etwas betrachten. Somit ist jede Art der Betrachung subjektiv. Niemand von uns weiß, wie die Welt wirklich aussieht, denn jeder sieht sie nur aus seiner eigenen Perspektive, erlebt sie mit seinen eigenen Sinnen. Was auch immer du gerade vor deiner Nase hast, du kannst zu 90% davon ausgehen (ich habe keine Statistiken dazu erhoben), dass der Mensch neben dir, der auf dieselbe Sache schaut, etwas anderes sieht, empfindet oder denkt als du. Und genau das macht das Schreiben manchmal schwer.

Unsere Sprache ist beschränkt im Gegensatz zu den Bildern, Gedanken und Emotionen in Kopf und Herz. Eine Geschichte in Worte zu fassen, ist eine Herausforderung – Gefühle in ihrer Vielschichtigkeit zu beschreiben, ohne etwas auszulassen. Egal, wie genau ich meine Vorstellungen umschreibe, in deinem Kopf wird beim Lesen dennoch ein anderes Bild entstehen, ein abgewandeltes, weil du meine Worte mit deinen Überzeugungen und Erinnerungen verknüpfst. So können aus einem Bild in meinem Kopf tausend Bilder in deinem und anderen Köpfen werden – für ein und dasselbe Gefühl oder eine Situation, einen Charakter oder einen Ort – weil wir alle so wunderbar vielseitig sind. Weil jeder von uns seine eigene Geschichte hat, seine Betrachtungsweise und Erfahrungen.

Allein ein Wort reicht, um in fünf Köpfen fünf verschiedene Assoziationen wachzurufen.

Es wird mir also zu vermutlich 90% NICHT gelingen, das Bild in meinem Kopf eins zu eins in deinen zu projezieren, etwas genauso wiederzugeben, wie ich es empfinde. Und somit ist es etwas besonderes, einem Menschen zu begegnen, der genau dieselbe Perspektive einnehmen kann. Der uns versteht, ohne dass wir viel erklären müssen. Weil sein Kopf und seine Gefühlswelt unserer so ähnlich sind, dass wir in Situationen dasselbe denken und fühlen. Vielleicht sogar, obwohl wir uns kaum kennen. Aber ich glaube ganz fest daran, dass es diese 10% mit derselben Wellenlänge für jeden von uns da draußen gibt. Auch wenn mir keine Statistken dazu vorliegen :)

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Kaffeeklatsch mit Göttin

|…| „Kannst du dich noch an den Tag erinnern, als ich zum ersten Mal hier war?“, fragte Roven.
Jolina lächelte. „Natürlich! Du warst ein grobschlächtiger Draufgänger, den jedes meiner Worte überforderte.“
„Ja, das stimmt“, lachte er und zitierte sie theatralisch: „Du trägst seit deiner Geburt die Seele eines Hirten, eines Akkadiers in dir. Nur solch eine Seele vermag es, eine akkadische Bestie zum Leben zu erwecken, wenn du als Mensch stirbst.“
Sie lachte. „War das zu viel? Es stimmte nun mal. Ich muss dir doch die Wahrheit erzählen!“
„Machst du das heute auch noch so?“
Sie rempelte ihn an. „Ärgere mich nicht!“
„Und du hast mir sehr deutlich gemacht, dass ich mich mit Naham gefälligst vertragen und keinen Menschen umbringen soll. Sonst reißt du uns in Stücke.
„Mhm, war der Göttin sei Dank, nie nötig.“ Sie sah ihn kurz an. „Würde mir auch schwerfallen.“
„Ach, Quatsch.“ Er zwinkerte.
„Und ich weiß noch sehr gut, wie du deinen neuen tollen, muskulösen und großen, großen Körper bewundert hast.“
Roven schmunzelte. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich als Mensch aussah.“
„Nicht? Ich schon. Du hattest hellrotes, wuscheliges Haar und Sommersprossen. Du warst etwas kleiner, aber trainiert. Warst ein schöner Mann. Hattest schon immer ein gutes Herz.“
„Ich habe Menschen im Krieg umgebracht“, murmelte er.
„So war die Zeit damals. Dafür konntest du nichts.“
„Ich hätte mich auch gegen das Schlachtfeld entscheiden können.“
„Nicht auszudenken! Stell dir vor, du wärst ein Bauer gewesen. Dann hätte ich dir auch noch den Schwertkampf beibringen müssen!“ Jetzt zwinkerte sie.
Er schnaufte. „Ich glaub, auf dem Acker wäre ich vor Langeweile gestorben. Akkadier zu werden, war das Beste, was mir passieren konnte.“
„Schön, dass du es so siehst! Aber Akkadier zu sein, ist nicht alles. Denk ab und zu auch an dich. An Naham und euer Herz.“ |…|

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Ein bunt gemustertes Pflaster

Wenn mein Kleiner eine Schramme hat, bekommt er ein Pflaster – am liebsten ein buntes mit Drachen oder Dinos, weil das natürlich besser hilft und der Schmerz wie von allein verschwindet. Klar, so ist das bei Kindern. Bei uns Erwachsenen eigentlich auch?

Verlust lässt Wunden entstehen, die immer wieder von innen heraus schmerzen. Ein nie heilendes Leid, auf das wir kein Pflaster kleben können; über das weder Drachen noch Dinos hinwegtrösten; das eine Leere, ein Vakuum erzeugt und oft schwer zu ertragen ist. Wir begeben uns ganz automatisch auf die Suche nach Ersatz. Nach Ablenkung. Wir fliehen, wenn man es so nennen möchte. Doch zu fliehen ist mit etwas Negativem behaftet, als wären wir feige, würden uns nicht stellen wollen. Ich sehe es anders.

Wenn wir etwas oder jemanden verlieren, haben wir oft das Gefühl, dass ein Teil von uns mit verloren geht. Aber genau diese Sehnsucht kann unser Herz für etwas neues öffnen, um dem Schmerz entgegenzuwirken. Wir suchen nach Dingen, die uns glücklich machen – nicht die dritte Flasche Wein am Abend, sondern etwas das uns tief berührt und beseelt, mit dem wir uns verbunden und angekommen fühlen; etwas, das nur jeder für sich allein finden kann. So unerträglich der Schmerz manchmal auch scheint, kann er uns dabei helfen, unser Potential zu entdecken und unsere Möglichkeiten neu auszuschöpfen. Wir fangen an zu suchen und werden auch finden. Selbst wenn die Außenwelt dein bunt gemustertes Pflaster belächelt oder gar verurteilt – es ist egal, solange es dir hilft. Es mag Flucht oder Verdrängung sein, aber wenn du einen Schmerz in dir trägst, der nicht gehen wird, dann darfst du alles tun, was dich glücklich macht. Was dir das Gefühl gibt, am Leben zu sein. Was dir dein Leben zurückgibt! Denn du hast nur dieses eine und es nicht auszukosten, ergibt keinen Sinn.

Also verurteile deinen Schmerz nicht. Vielleicht wärst du ohne ihn glücklicher, sorgenfreier. Aber dann bliebe alles auf der Strecke, was dir hilft, ihn zu ertragen. Dann würdest du nicht abends laufen gehen und dich abrackern, bis du erschöpft aber zufrieden wieder zu Hause ankommst oder dein inneres Lächeln beim Yoga suchen. Im Auto ohrenbetäubenden Heavy Metall hören, der dein Herz schneller schlagen lässt. Dich in die Gartenarbeit stürzen, weil sie dir das Gefühl gibt, Teil eines großen Ganzen zu sein (oder auch nur für dich, weil du die Blumen so schön findest). Du würdest nicht malen, singen, schreiben oder einen extremen Hindernislauf mitmachen, um das Gefühl zu haben, am Leben zu sein. Wenn wir ohne den Verlust vollends glücklich wären, blieben unsere persönlichen Glücksauslöser auf der Strecke, weil sie nicht nötig wären, um durch den Tag zu kommen, um unser Leben auszukosten. Sollten wir den Schmerz dann also wirklich verteufeln? Ist es so schlecht, sich Wege zu suchen, um glücklich zu sein? Uns mit Dingen zu beschäftigen, die uns erfüllen? Hat der Verlust unser Leben so nicht auf andere Art bereichert und unsere Augen und unser Herz für neues geöffnet?

Ja, es bleibt ein Pflaster, aber ein bunt gemustertes hilft vielleicht doch mehr als ein hautfarbenes, das man kaum sieht. Ein buntes ruft: Ich habe eine Wunde, na und?! Ich mach das beste daraus! Und wenn die Wunde irgendwann kleiner wird und beginnt zu verheilen, dann dürfen wir das Pflaster auch mal abmachen und Luft ranlassen. Dann müssen wir sie vielleicht nicht mehr verstecken. Auch nicht vor uns selbst <3

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Liebes Tagebuch …

Mein Juni war erfüllt von Sonne ☀️, Lachen, Meer 🌊 und Wind. Von kleinen und großen Tieren 🐌 (unter anderem einer ziemlich zutraulichen Krähe, die mich im Büro besuchte), Zeit alleine und zu zweit, Sommerwiesen 🌾 und Sommergewittern ☔💙

In Bildern sieht das ganze so aus …

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#rovenliebtselene

|…| Roven hatte sie ans mittlere Ufer nördlich des Lochs gebracht, von wo aus man einen weiten Blick auf die Umgebung hatte – hinter ihnen die Berge, vor ihnen der See in tiefem Blau. Westlich zog ein orangefarbener Streifen über den Horizont. Die Unterseite der Wolken färbte sich rötlich, genauso wie Selenes Silhouette. Sie ging einen Schritt Richtung Ufer, bis ihre Schuhe beinahe das Wasser berührten, und ließ ihren Blick schweifen. Sie hatte den Mund geöffnet und atmete tief. Ihre Augen begannen zu glänzen. Selene schwieg. Roven hörte ein Zittern in den Atemzügen, ihr Herz schlug schneller. Dann begann sie langsam zu lächeln, immer breiter, und schaute schließlich zurück zu ihm, strahlte ihn dankbar und mit feuchten Augen an und sah wieder geradeaus.
Sie standen dort eine ganze Weile, ohne zu reden. Lauschten der Natur, dem Rauschen des Sees und dem Plätschern der kleinen Wellen am Ufer, dem Wind in den Bäumen und dem fernen Vogelgezwitscher.
Als Selene anfing zu zittern, schirmte Roven sie von hinten ab und legte seine Arme um sie.
„Wenn mir nicht so kalt wäre, würde ich jetzt da rein laufen …“
Er schmunzelte. „Es ist arschkalt. Wirklich. Selbst ich würde kneifen.“
„Vielleicht im Sommer …?“
„Auf jeden Fall! Aber nur nackt. Sonst zählt es nicht.“
Er hörte sie schmunzeln. Sie legte ihre ausgekühlten Hände auf seine und schob sie ein Stück in die Ärmel seines Mantels, kuschelte sich in seine Umarmung und lehnte ihre Stirn gegen sein Kinn.|…|

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