Denkst du noch oder fühlst du schon?

Lass uns ein kleines Experiment wagen. Ich schenke dir ein Gefühl, natürlich kostenlos. Ich kann dir allerdings nicht sagen, welches. Vielleicht passiert auch gar nichts … Nicht weil du ein Android bist, sondern vielleicht weil du dich vor äußeren Einflüssen ganz wundervoll beschützen kannst. Aber, pssst, es ist nichts Schlimmes, also trau dich und schau durch den kleinen Spalt in deiner Mauer.

Komm mit mir auf eine kurze Reise. Und wenn du zu Ende gelesen hast, schließ die Augen und schau, was passiert ist. Du musst es nicht in Worte fassen, es gibt keine Lösung, kein Richtig oder Falsch. Es spielt keine Rolle, ob es sich gut oder schlecht anfühlt. Du musst nicht bewerten oder beurteilen, nur hinspüren und wahrnehmen, was da ist. Es geht nur um dich und dein Gefühl. Kreiert aus ein paar Worten. Bildern im Kopf. Geräuschen im Ohr. Gerüchen in der Nase. Empfindungen auf deiner Haut. Und schließlich einer wagen Nuance im Herzen.

Gefühl #15

Wir kommen auf einen alten Leuchtturm zu, der seit Jahrhunderten an derselben Stelle steht. Seit Jahrhunderten den Blick aufs Meer gewandt. Der tausend Sonnenuntergänge und Stürme gesehen hat. Das Holz der Treppe ist blass, hat sich mit der Witterung angefreundet. Die Luft riecht salzig, der Wind ist frisch, das Meer rauscht. Wir gehen die knarrenden Holzstufen hinauf und lassen unsere Hand übers raue Geländer streifen. Die Tür des Leuchtturms quietscht beim Öffnen, der Wind wirft sie hinter uns zu. Drinnen leuchtet eine Öllampe. Spinnenweben ziehen sich über Bücher, die im Regal an der runden Wand stehen. Oder liegen. Zwei sind runtergefallen und haben beim Aufprall den Staub auf dem Fußboden aufgewirbelt. Eine eiserne Wendeltreppe führt uns nach oben. Durch ein kleines Fenster gelangt etwas Licht. Davor ruht ein Schreibtisch, auf dem Pinsel und Farbtuben verstreut liegen. Wir streichen mit dem Finger über eine Tube, wischen den Staub weg und lesen Brilliant Yellow. Neben dem Schreibtisch stehen Leinwände am Boden, bemalt und unbemalt. Ein Stativ mit einem unfertigen Bild. Wir gehen weiter die Treppe hinauf. Ganz oben wartet ein staubfreies Sofa mit Blick aufs Meer. Das Doppelfenster ist geöffnet und lässt frische Luft herein. In der Teeküche steht ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Wir holen den Teebeutel aus der dampfenden Flüssigkeit und setzen uns mit der Tasse aufs Sofa, ziehen die Schuhe aus und lehnen uns an. Meeresrauschen erfüllt den Raum. Ein immerwährendes Atmen, in den Ohren und im Herzen. Im Wind, im Licht.

 

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