Für ein bisschen mehr Zeit

Kennst du diese Momente, in denen dir bewusst wird, dass dein Leben mit jedem Tag, jeder Stunde, jeder Sekunde abläuft? Unsere Zeit verrinnt, das mag dramatisch klingen. Aber genau so ist es: Bei unserer Geburt bekommen wir eine bestimmte Menge an Zeit geschenkt und die wird jeden Tag kleiner.

Wachgerüttelt

Mir kamen die Gedanken zuletzt nach einem persönlichen Schockmoment. Vielleicht war es bei dir ein Ereignis im nahen Bekanntenkreis? Eine unerwartete Krankheit oder Schlimmeres? Ein Unfall mit gutem Ausgang, der dir im Nachhinein klar macht, was hätte passieren können?! Die „Einschläge“ rücken näher und du denkst: das Leben ist so kurz! Verdrängst den Gedanken aber gleich wieder, weil du ein flaues Gefühl dabei bekommst? Ein nervöses Flattern? Panik? Als rinne deine Zeit wie Sand durch deine Finger und alles liefe auf das unausweichliche Ende hinaus? Als müsstest du jetzt gleich etwas ändern, um das aufzuhalten? Schneller machen, mehr schaffen, effizienter, konzentrierter, …? Und dich überwältigt die Erkenntnis, dass du das niemals schaffen kannst. Dass du dich nicht zerreißen kannst, nicht fünf Aufgaben gleichzeitig erledigen kannst, weil es einfach nicht geht. Anstatt die Dinge also in die Hand zu nehmen, sackst du erschöpft zusammen, weil du nicht weißt, wo du anfangen sollst.

Ich kenne solche Momente, aber in den letzten zwei Jahren wurden sie seltener. Seitdem ich begonnen habe, mich bewusst Betätigungen zu widmen, die mir gut tun, die ich verfolgen, lernen oder weiterentwickeln möchte – schreiben, malen, musizieren – und mich gegen Dinge zu entscheiden, die mir nichts bringen, weder Entspannung noch Inspiration – Fernsehen steht hier ganz oben.

Von der Tiefe deiner Zeit

„Du kannst dein Leben nicht verlängern noch verbreitern, nur vertiefen.“ (Gorch Fock)

Ich glaube, die Magie besteht nicht darin, die wenige (Frei)Zeit, die wir haben, so voll wie möglich zu stopfen, sondern zu selektieren, was uns wirklich Spaß macht, wobei wir uns lebendig und beseelt fühlen. Es geht nicht um Quantität, sondern Qualität. Und wenn du die eine freie Stunde am Tag damit verbringst, im Garten zu sitzen und mal nichts umzugraben oder rauszuzupfen, ein Bild zu sticken, nach Zahlen zu malen, Musik zu hören (ohne etwas anderes nebenbei zu tun), zu meditieren, zu lesen, spazierenzugehen oder Yoga zu machen … Was immer dich glücklich macht!

Ich kann meine Zeit nicht vervielfältigen, aber ich kann sie so gut wie möglich nutzen. Für die wirklich wichtigen Dinge. Für eine Umarmung, die eine ganze Minute lang andauert (das ist schon eine kleine Herausforderung für beide Beteiligten). Dafür, etwas neues zu lernen, einfach nur, weil ich Freude daran habe (ich habe mir kürzlich eine Ukulele gekauft, das bringt mich auf der Karriereleiter nicht höher, es macht Spaß!) Jemandem zu sagen, wie froh ich darüber bin, dass er oder sie gerade bei mir ist. Wer weiß schon, wie lange wir diese Zeit füreinander haben werden? Meinem Kind bei seinen unzähligen fantasievollen Geschichten zuzuhören und in seine Welt einzutauchen. Oder kurz mit dem Tippen aufzuhören, alles Äußere für einen Moment auszublenden und meinem Innenleben ein paar Sekunden Aufmerksamkeit zu schenken.

Nimm dir Zeit für deine Zeit

Du willst deine Zeit nutzen? Gut! Dann warte nicht bis zum Urlaub, warte nicht bis zum Wochenende. Schöne Dinge fragen nicht nach Aufmerksamkeit, also widme dich ihnen, wann immer du kannst. Vielleicht sitzt du gerade am Rechner, mal wieder viel zu lange, dein Rücken schmerzt, weil er sich nach Entspannung sehnt. Oder du liegst auf deiner Couch und hast dein Handy in der Hand. Leg es weg. Sofort. Nein, warte, lies erst zu Ende und dann legst du es weg. Es hilft dir nicht dabei, dich zu entspannen. Jeder Monitor, egal ob Fernseher, Handy oder Tablet, strengt dein Gehirn wissenschaftlich bewiesen an.

Mach weniger von allem Unwichtigen, vereinfache dein Leben und tue mehr für dich. Wenn dein Feierabend beginnt und du die Fernbedienung oder das Handy in die Hand nimmst, halte eine Sekunde inne und überlege, wonach sich dein Herz in diesem Augenblick wirklich sehnt. Nach einer Tasse Tee in Stille? Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft? Diesem Buch, dass du schon seit Ewigkeiten lesen wolltest? Trau dich, hinzusehen, in dich hinein. Da ist so viel mehr, als du glaubst. Alles, was in dir vorgeht, hat seine Berechtigung. Du musst dich nicht von dir selbst ablenken, betäuben oder deine Gedanken zum Schweigen bringen. Widme dich nicht dem Offensichtlichem, nicht dem Schnellen, nicht dem Oberflächlichem, sondern höre auf das Leise in dir. Finde, was immer dich lächeln lässt. Und dann lächle, wenn du dich dieser Sache widmest und merkst, wie gut dir das tut. Und wir beide lächeln zusammen.

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