Vegetarischer Lese-Quickie

Zweites Leben

Kurzgeschichte

„Was glaubst du, wie lange wir noch brauchen?“
„Na ja, laut Navi noch zwei Stunden.“
„Okay.“
Ich drehe mich auf dem Beifahrersitz herum, doch du bist nicht zu sehen, hast dich wohl hingelegt, um die Fahrt leichter zu überstehen. Ich höre keinen Laut von dir, kein Wimmern, kein Knurren, nur das Fahrgeräusch unseres Kombis.
Ich weiß, dass du Angst hast. Wahrscheinlich ist dir die Familie gerade vertraut gewesen, dann kommen wir und holen dich wieder weg.
Es tut mir leid.
Ich wünschte, ich könnte dir die Angst nehmen, die du vor uns hast, könnte dir alles erleichtern. Aber auch für mich ist es das erste Mal. Ich muss erst noch lernen, was für dich am besten ist. Wir haben uns dafür entschlossen, weil wir dir alles bieten wollen, was dir bislang verwehrt geblieben ist, weil wir dich vergessen lassen möchten, was dir widerfahren ist. Und ich hoffe, es gelingt uns.
„Sollen wir noch eine Pause machen?“ Die letzte liegt eine halbe Stunde zurück.
„Ach, ich denke, das schafft er auch so“, sagt mein Mann und lächelt mich an. Er legt seine Hand auf meine und drückt zärtlich zu. „Das wird schon. Mach dir keine Sorgen.“
Ich nicke und drehe mich wieder nach vorn.
Auch in den folgenden zwei Stunden hören wir nichts von dir und es schnürt mir fast die Kehle zu, dass ich nicht nach dir sehen kann.
Als der Kombi endlich das Tor zu unserem Hof passiert, fällt eine Last von meinem Herzen. Die erste Hürde ist genommen.
Ich steige aus, hole die Leine vom Rücksitz und öffne den Kofferraum.
Du liegst da wie eine Sphinx, so anmutig. Aber du siehst mich nur kurz an, dann gleich wieder weg. Die Angst steht dir ins Gesicht geschrieben. Und an die vielen Narben muss ich mich erst noch gewöhnen. Woher sie stammen, können wir nur vermuten. Kämpfe. Gitterstäbe. Schläge. Nein. Ich will es nicht wissen. Das ist Vergangenheit.
„Schon gut, Milo“, versuche ich dich zu beruhigen. „Sch… sch… Wir tun dir nichts.“
Ich beuge mich hinunter und halte dir meine Hand vorsichtig unter die Nase, doch du reagierst nicht. Bloß nicht bewegen, dann tut mir vielleicht niemand etwas, geht es mir durch den Kopf.

Als ich die Leine mit deinem Halsband verbinde, zuckst du beim metallischen Klicken zusammen.
„Ganz ruhig, mein Großer“, predige ich, während meine Hand vorsichtig über deinen Rücken streichelt, jeden Wirbel kann man spüren und sehen. Du erträgst meine Zärtlichkeiten, ohne dich zu rühren. Ob du sie jemals genießen wirst, weiß ich nicht.
Ich richte mich auf. Noch bevor die Leine gespannt ist, erhebst du dich schwerfällig und springst aus dem Kofferraum. Während ich auf die Hintertür unseres Hauses zugehe, folgst du mir still, den Kopf gesenkt. Als hättest du noch nie eine Wahl gehabt.
Ich zeige dir dein Hundebett, gleich neben unserem Schlafzimmer, Fressnapf und Trinkstelle, führe dich herum und erzähle dir Dinge, die du nicht verstehst. Ich hoffe nur, dass dich der Klang meiner Stimme beruhigt.
Zurück an deinem Schlafplatz nehme ich dir die Leine ab. Du setzt dich auf den Fußboden und schaust mich kurz an – mit deinen dunkelbraunen Augen, die so tief erscheinen, die zuviel gesehen haben, die zu traurig wirken.
Vorsichtig streichle ich über deine lange Nase, hinauf zum Kopf, deinen vollen Brustkorb entlang, spüre die einzelnen Rippen, die unter der Haut noch deutlich zu sehen sind. Ich berühre die grauen Narben in deinem karamellfarbenen Fell, fahre mit der Hand die Forderläufe hinunter bis zu deinen Pfoten. Vier Krallen zieren sie. Nur noch vier. Die Daumenkrallen hat man dir in Spanien herausgerissen. Damit du dich bei den Rennen nicht verletzen kannst.
„Alles wird gut, mein Süßer. Niemand wird dir je wieder wehtun!“, verspreche ich dir und blinzle meine Tränen fort.
Und während ich mich hinhocke und dich immer weiter streichle, legst du dich langsam nieder. Es ist keine besonders entspannte Haltung, aber immerhin. Deine Vorderpfoten ruhen ganz dicht bei meinen Füßen, fast, als ob du mich berühren wolltest.
Über eine halbe Stunde bleibe ich so bei dir, rede auf dich ein, streichle dich, versichere dir immer wieder, dass wir auf dich aufpassen werden. Und du erduldest das alles mit einem beinahe apathischen Schweigen, das mich zweifeln lässt, ob es dir je besser gehen wird.

Es dauert drei Wochen, bis du diese Apathie fast vollständig abgelegt hast.
Du frisst noch immer zu hastig, obwohl hier niemand ist, der dich wegzerren oder dir das Futter stehlen könnte. Du verlierst deine Schüchternheit nur ab und zu, wenn du wie ein Reh über unseren Hof springst, wie ein Gepard auf mich zuhechtest und an mir vorbeisaust, nur um die gleiche Runde noch einmal zu rennen. Es sind diese kurzen Momente, die mir zeigen, welch stolzes Tier du wirklich bist, welche Kraft in deinen Hinterläufen schlummert, und welche Freiheit in deinem Herzen wohnt.
Und als ich an diesem Abend im Bett liege und ein Buch lese, kommst du zum ersten Mal selbstständig zu mir.
Du hast deinen Kopf leicht gesenkt, doch dein Schwanz wedelt freudig. Einen kurzen Moment stehst du vor mir, als wenn du um Erlaubnis bitten würdest, als wenn du dir nicht sicher wärst, ob du hier richtig bist. Ich lege das Buch beiseite, lächle dich an, und ganz leise stemmst du deine Vorderläufe auf das Bett. In einer vorsichtigen Bewegung folgen auch die Hinterbeine, bis du, wenn auch etwas verkrampft, neben mir liegst. Deine Nase versteckst du hinter dem rechten Vorderlauf. Unsicher schaust du mich von der Seite an, wendest deinen Blick aber gleich wieder ab.
Nein. Ich schicke dich nicht fort. Du darfst hier bleiben. Hier bei mir und in unserem Heim.
Ich winkle meinen Arm an und lege ihn unter das Kopfkissen, decke mich zu und streichle deine Wirbelsäule entlang. Und plötzlich, als hättest du das letzte bisschen Angst vor mir verloren, bettest du deinen Kopf auf meinen Arm, sodass deine lange Nase beinahe mein Gesicht berührt. Du blinzelst mich an, atmest tief durch und schließt deine Augen. Du bist angekommen – in deinem zweiten Leben. Und hast deinen Frieden endlich gefunden.

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