Ein bunt gemustertes Pflaster

Wenn mein Kleiner eine Schramme hat, bekommt er ein Pflaster – am liebsten ein buntes mit Drachen oder Dinos, weil das natürlich besser hilft und der Schmerz wie von allein verschwindet. Klar, so ist das bei Kindern. Bei uns Erwachsenen eigentlich auch?

Verlust lässt Wunden entstehen, die immer wieder von innen heraus schmerzen. Ein nie heilendes Leid, auf das wir kein Pflaster kleben können; über das weder Drachen noch Dinos hinwegtrösten; das eine Leere, ein Vakuum erzeugt und oft schwer zu ertragen ist. Wir begeben uns ganz automatisch auf die Suche nach Ersatz. Nach Ablenkung. Wir fliehen, wenn man es so nennen möchte. Doch zu fliehen ist mit etwas Negativem behaftet, als wären wir feige, würden uns nicht stellen wollen. Ich sehe es anders.

Wenn wir etwas oder jemanden verlieren, haben wir oft das Gefühl, dass ein Teil von uns mit verloren geht. Aber genau diese Sehnsucht kann unser Herz für etwas neues öffnen, um dem Schmerz entgegenzuwirken. Wir suchen nach Dingen, die uns glücklich machen – nicht die dritte Flasche Wein am Abend, sondern etwas das uns tief berührt und beseelt, mit dem wir uns verbunden und angekommen fühlen; etwas, das nur jeder für sich allein finden kann. So unerträglich der Schmerz manchmal auch scheint, kann er uns dabei helfen, unser Potential zu entdecken und unsere Möglichkeiten neu auszuschöpfen. Wir fangen an zu suchen und werden auch finden. Selbst wenn die Außenwelt dein bunt gemustertes Pflaster belächelt oder gar verurteilt – es ist egal, solange es dir hilft. Es mag Flucht oder Verdrängung sein, aber wenn du einen Schmerz in dir trägst, der nicht gehen wird, dann darfst du alles tun, was dich glücklich macht. Was dir das Gefühl gibt, am Leben zu sein. Was dir dein Leben zurückgibt! Denn du hast nur dieses eine und es nicht auszukosten, ergibt keinen Sinn.

Also verurteile deinen Schmerz nicht. Vielleicht wärst du ohne ihn glücklicher, sorgenfreier. Aber dann bliebe alles auf der Strecke, was dir hilft, ihn zu ertragen. Dann würdest du nicht abends laufen gehen und dich abrackern, bis du erschöpft aber zufrieden wieder zu Hause ankommst oder dein inneres Lächeln beim Yoga suchen. Im Auto ohrenbetäubenden Heavy Metall hören, der dein Herz schneller schlagen lässt. Dich in die Gartenarbeit stürzen, weil sie dir das Gefühl gibt, Teil eines großen Ganzen zu sein (oder auch nur für dich, weil du die Blumen so schön findest). Du würdest nicht malen, singen, schreiben oder einen extremen Hindernislauf mitmachen, um das Gefühl zu haben, am Leben zu sein. Wenn wir ohne den Verlust vollends glücklich wären, blieben unsere persönlichen Glücksauslöser auf der Strecke, weil sie nicht nötig wären, um durch den Tag zu kommen, um unser Leben auszukosten. Sollten wir den Schmerz dann also wirklich verteufeln? Ist es so schlecht, sich Wege zu suchen, um glücklich zu sein? Uns mit Dingen zu beschäftigen, die uns erfüllen? Hat der Verlust unser Leben so nicht auf andere Art bereichert und unsere Augen und unser Herz für neues geöffnet?

Ja, es bleibt ein Pflaster, aber ein bunt gemustertes hilft vielleicht doch mehr als ein hautfarbenes, das man kaum sieht. Ein buntes ruft: Ich habe eine Wunde, na und?! Ich mach das beste daraus! Und wenn die Wunde irgendwann kleiner wird und beginnt zu verheilen, dann dürfen wir das Pflaster auch mal abmachen und Luft ranlassen. Dann müssen wir sie vielleicht nicht mehr verstecken. Auch nicht vor uns selbst <3

2 Gedanken zu “Ein bunt gemustertes Pflaster

  1. Was du geschrieben hast klingt wirklich toll. Und soo wahr
    Am Ende hab ich mir vorgestellt wie ich mit all den kleinen (oder auch größeren) Wunden aussehen würde, wenn auf jeder ein buntes Pflaster kleben würde.
    Bei unseren Kleinen machen wir es damit sie cool aussehn und Freunden zeigen können, dass es ja gar nicht so schlimm war.
    Bei uns Erwachsenen richtet man sich eher an die Norm um nicht aus der Reihe zu tanzen. Blödsinn
    Ich hab auch immer meinen eigenen Weg gefunden, wie ich mit meinem Schmerz umgehe. Keiner fühlt ihn wie ich. Auch wenn jeder schon mal Wunden erlitten hat die ähnlich sind, aber der Schmerz ist es nicht. Wunden sind nicht gleich groß oder tief.

    Ich werd mir beim nächsten Mal ein buntes Einhorn Pflaster drauf machen ;)

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